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Morgens ist die Sonne am schönsten. Wenn sie noch nicht ganz um den Rand der Welt geschlüpft ist und die Atmosphäre in warmen Tönen schimmern lässt. In diesen wenigen Momenten, in denen sich das Licht nur in einem schmalen Streifen um die Wölbung der Erde legt, wirken die Wolken unter ihnen wie verlorene Schafe auf einer blauen Weide. In allen Farben schimmern sie dann manchmal, als sängen sie ein stilles, buntes Lied zur Begrüßung des Tages.
Leo liebt diese Stunde. Sie liebt sie so sehr, dass sie nur dasitzt und aus dem Fenster starrt, hinüber zur Sonne, dann hinab auf die Welt, über der sie schweben, und wieder zurück. Worte sind in diesen Augenblicken nur fahl nachhallende Nichtigkeiten, dumpf drückendes Rauschen im Hintergrund. Sie könnte sich ebenso allein in dem dunklen Raum mit den großen Fenstern aufhalten. Zu dieser Stunde macht das keinen Unterschied.
›Leo? Leo, hörst du mir überhaupt zu?‹
Der Morgen ist wie eine Geburt, denkt sie. Wie der Beginn eines neuen Lebens, nachdem wir die Nacht ausgehalten haben. Der Morgen ist – wie die Geburt – nicht nur der Anfang, sondern auch das Ende eines Spiels. Erlebst du ihn, hast du bereits gewonnen.
›Leo?‹
›Ich liebe die Wolken.‹
›W-was?‹
›Ich liebe die Wolken‹, wiederholt sie. ›Die Bäume und die Quallen lieben sie auch.‹ Das glasklare Material, als dem das Fenster besteht, spiegelt nicht und hat zumindest in ihrem Sichtfeld keine Kanten und Ränder. Das in den Boden eingelassene Polster, auf dem sie sich im Schneidersitz niedergelassen hat, ist so weich, dass der Eindruck, durch das All zu schweben, nur noch intensiviert wird. ›Kannst du dich noch daran erinnern?‹, setzt sie nach langen Momenten des stillen Hinausschauens wieder an. ›An die Zeit, als wir noch Wolken waren, meine ich.‹
›Verschwommen.‹ Die Antwort ihrer Mutter kommt verzögert und leise. Als hätte sie erst darüber nachdenken müssen, ob sie überhaupt auf die Frage reagieren soll. Aber sie befinden sich beide allein in der geräumigen Wohnung, weswegen niemand einschreiten und ihr das Gespräch abnehmen kann, wie sonst so oft.
›Das ist doch traurig, oder?‹ Leos Worte sind kaum mehr als ein Flüstern, das die Stille des Raums nur wie ein Windhauch vertreibt. ›Ich meine … wir waren einmal genau wie sie. Und jetzt nehmen wir sie kaum mehr wahr. Als wären sie ein gewöhnlicher Teil dieser Welt … und nicht die Hüllen, in denen wir einmal gelebt haben.‹ Sie sieht nicht, wie Theia hinter ihr auf und ab geht, hört nur ihre leisen Schritte durch das Zimmer klingen.
›Ich denke … du unterhältst dich zu viel mit den Bäumen‹, kommentiert sie vorsichtig.

Ein Auszug aus Weltasche, Kapitel 10 – In dem ihr ein Lied von Welten und Wurzeln gesungen wird

Nur noch 2 Wochen bis zum Start des Fortsetzungsromans!
8 Kommentare
  1. ∂ade
    ∂ade sagte:

    Was für ein schönes Bild und wie passend der Textauszug dazu ist. Ich freue mich auf Weltasche (und ja, das sage ich, obwohl ich mit Teil eins immer noch nicht weiter bin. *hust* Aber ich freue mich einfach trotzdem. ^^).

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  2. Marie Graßhoff
    Marie Graßhoff sagte:

    Ach, vielen lieben Dank, du Herz! Das Bild ist schon etwas älter und ich habe es auf einer tollen Zugfahrt gemacht (hach). Freut mich, dass du beides magst. Und haha, 2 Wochen hast du ja noch Zeit.
    Nein Quatsch, lass dir nur Zeit ;)

    Liebe Grüße

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  3. ∂ade
    ∂ade sagte:

    Ach, ich traue mir auch gerade zu, einfach schon mitzulesen, sobald Weltasche auf den Blog kommt, ohne Kernstaub durch zu haben. o.o xD Wobei das vermutlich nicht so klug wäre! *lach*

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  4. Marie Graßhoff
    Marie Graßhoff sagte:

    Ah, davon würde ich eher abraten :) Weltasche startet mit 2 Handlungssträngen. Einer davon spoilert in großem Sinne das Ende von Kernstaub und der andere ist so angelegt, dass man ihn zuerst nicht mal versteht, wenn man Kernstaub gelesen hat.

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  5. ∂ade
    ∂ade sagte:

    Okay, dann wäre das wirklich keine so gescheite Idee. *g*
    Dann … muss ich wohl Urlaub nehmen mit der Begründung, dass ich lesen muss. *lach* Nein, ich fürchte, damit komm ich auch nicht durch. xD

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